Michael Frischmuth ist bei der Diakonie Katastrophenhilfe für Afghanistan zuständig. Er spricht über die prekäre Lage im Land und weshalb die Organisation nicht mit der Bundeswehr kooperiert hat.

Wie arbeitet die Diakonie Katastrophenhilfe nach dem Abzug der internationalen Truppen in Afghanistan? Können Sie die Arbeit wie bisher fortsetzen?

Michael Frischmuth: Wir arbeiten ausschließlich mit lokalen Partnern zusammen und betreuen die Projekte von unserem Regionalbüro in Amman, Jordanien aus. Bis zum vergangenen Jahr hatten wir auch immer einen Repräsentanten in Kabul, einen Afghanen. Er ist mittlerweile jedoch wegen der Sicherheitslage mit seiner Familie in Deutschland.

Laufen die Projekte trotzdem weiter?

Im Moment ist unser großes Problem, dass wir kein Geld ins Land bekommen. Das Bankensystem in Afghanistan funktioniert aufgrund der internationalen Sanktionen nicht mehr, es gibt keine offziellen Wege für Überweisungen. Das bindet nicht nur uns, sondern allen Hilfsorganisationen die Hände. Bis Ende 2021 lief noch eines unserer Projekte zur Versorgung mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs in zwei Provinzen im Nordwesten und in Zentralafghanistan, aber auch dafür sind die Mittel aufgebraucht. Es liegt alles auf Eis. Millionen Menschen stehen vor einer Hungersnot, und es kann derzeit keine adäquate Hilfe geleistet werden.

Angenommen, Sie bekommen wieder Geld ins Land: Wie geht es dann für Ihre Arbeit weiter?

Wir haben Projekte vorbereitet und könnten kurz fristig wieder loslegen. So wie die Situation in Afghanistan ist, geht es zunächst um die Grundbedürfnisse der Menschen, also darum, ihr Überleben zu sichern. Über viele Jahre haben wir auch in Infrastruktur und Bildung investiert, zum Beispiel Schulen und Bewässerungssysteme für die Landwirtschaft gebaut. Aber daran ist derzeit nicht zu denken.

Wie fnanzieren Sie Ihre Arbeit in Afganistan?

Im Moment ausschließlich durch Spenden. Früher haben wir auch mit öffentlichen Mitteln gearbeitet, auch noch nach Beginn der Militärintervention 2001. Aber 2003 ist die Bundeswehr zur Konfiktpartei geworden, da war das für uns nicht mehr möglich. Wir müssen unsere Unabhängigkeit wahren.

Sie haben also nicht mit der Bundeswehr zusammengearbeite?

Nein. Das machen wir grundsätzlich nicht in aktiven bewaffneten Konfikten. Wir lehnen eine zivil-militärische Zusammenarbeit ab, da sie aus unserer Sicht die humanitäre Hilfe gefährdet und die Gefahr einer Instrumentalisierung birgt. Wir würden nicht mehr als unparteiisch wahrgenommen, und das ist mit unglaublich großen Risiken verbunden. Das Konzept der „vernetzten Sicherheit“ in Afghanistan zielte auf die Kohärenz der deutschen Aktivitäten ab. Für die Sicherheit unserer Mitarbeitenden, der Partnerorganisationen und der Hilfs programme setzen wir jedoch auf das Konzept „Sicherheit durch Akzeptanz“.

 War es denn zwischen 2001 und 2021 für Ihre Kräfte vor Ort gefährlich, ohne Schutz durch Militär zu arbeiten? Oder würden Sie sogar sagen, dass es wegen der klaren Distanz weniger gefährlich war?

Wir arbeiten überall auf der Welt ohne militärischen Begleitschutz, so auch in Afghanistan. Die Gefahr für die Helferinnen und Helfer steigt aus unserer Sicht durch die Zusammenarbeit mit einer Konfiktpartei. Humanitäre Hilfsorganisationen könnten dann selbst zum Ziel von Angriffen werden.

Was denken Sie, wie es nun in Afghanistan weitergeht?

Im Moment erscheint die Lage ausweglos. Das Regime in Kabul ist weit davon entfernt, die Forderungen der internationalen Gemeinschaft zu erfüllen, beispielsweise was Bildungsmöglichkeiten für
Frauen betrifft. So lange gibt es keine Anerkennung der Regierung und die fnanziellen Mittel bleiben eingefroren. Humanitäre Akteure, also zivile Hilfsorganisationen, sind die einzigen, die vor Ort überhaupt noch arbeiten können, aber auch das sehr eingeschränkt.