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In der Moderne angekommen

Die thailändische Bevölkerung wächst kaum noch, und in zehn Jahren wird sie voraussichtlich beginnen zu schrumpfen. Das Land hat eines der besten Sozialversicherungssysteme Asiens, es ist aber auf die Konsequenzen des demographischen Wandels nicht ausreichend vorbereitet.

Ein Vorschlag sorgt in Thailand für Aufregung: Singles sollten mehr Steuern zahlen als Verheiratete, fordert der Wissenschaftler Terdsak Chomtohsuwan. Zudem solle der Staat Eltern, die ihr erstes Kind bekommen, finanziell unterstützen. Das werde die Geburtenrate in die Höhe treiben. Zahlreiche thailändische Medien zitierten den Wirtschaftsdozenten von der Rangsit-Universität Anfang September mit den Worten: „Im Zuge der schnell wachsenden Wirtschaft wollen viele Paare lieber ihren Lebensunterhalt verbessern, als Kinder zu bekommen.“

Mit steuerlichen Begünstigungen und Kindergeld fördern reiche Länder wie Deutschland Familien. In den Augen von Thailands Facebook-Generation sind das aber impertinente Vorschläge. Singles fühlen sich diskriminiert und „doppelt bestraft“: weil sie – nicht immer freiwillig – partner- beziehungsweise kinderlos sind und dafür auch noch zur Kasse gebeten werden sollen.

Die regierende Pheu-Thai-Partei versicherte eilig, sie wolle die Idee nicht aufgreifen und die Besteuerung weiterhin „fair“ nach der Höhe des Einkommens bemessen. Doch die Äußerung Chomtohsuwan hat die Debatte über ein drängendes Problem angefacht: das Altern der Gesellschaft und die Folgen für den Arbeitsmarkt.

„In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Struktur der thailändischen Familie extrem verändert“, stellte der Bevölkerungswissenschaftler Chai Podhisita schon 2011 fest. Immer mehr Menschen bekommen keine Kinder oder bleiben unverheiratet. Sie wollen unabhängig sein oder finden nicht den richtigen Partner. Frauen studieren und machen Karriere. Das traditionelle Rollenbild, das sie an Haus und Familie bindet, ändert sich. Selbst an der Regierungsspitze steht eine Frau.

Das durchschnittliche Heiratsalter steigt, und die Menschen werden später Eltern. Früher waren Familien mit fünf oder sechs Kindern die Norm; heute liegt die Geburtenrate bei 1,6 Kindern pro Frau. Das entspricht den Vergleichswerten von China und Kanada und liegt nur knapp über der deutschen Zahl von 1,4. Damit eine Bevölkerungsgröße ohne Migration konstant bleibt, sind 2,1 Kinder pro Frau nötig.

Spätere Ehen, kleinere Familien

Der Ökonom Chomtohsuwan macht Singles und Kinderlose für den Trend verantwortlich und will sie deshalb besteuert sehen. Die Motive der „Familienverweigerer“ sind jedoch nicht immer egoistisch. Die Journalistin Pichaya Svasti urteilte in der Bangkok Post, steigende Kosten „für Lebenshaltung, medizinische Versorgung und Ausbildung“ zwängen viele Paare „weniger Kinder zu bekommen“.

Kleinere Familien sind besser mit dem Arbeitsleben und engen städtischen Wohnverhältnissen vereinbar. Die Urbanisierung schreitet schnell voran. Die Volkszählung ergab 2010, dass 44 Prozent der Bevölkerung in Städten lebten. Die Tendenz ist steigend. Bildung hat einen hohen Stellenwert bekommen, und viele Eltern verzichten auf ein zweites Kind, um dem einen Privatschule und Universitätsstudium finanzieren zu können. Ein weiterer Grund der geringer gewordenen Geburtenzahl ist die späte Eheschließung, denn mit zunehmendem Alter nimmt die Fruchtbarkeit ab.

„Neue“ Familienformen sind entstanden und haben laut Bevölkerungswissenschaftler Podhisita im vergangenen Jahrzehnt stark zugenommen: Der Anteil an Familieneinheiten, in denen Kinder nur bei einem Elternteil, bei ihren Großeltern oder ohne Blutsverwandte aufwachsen, liege heute bei zwölf Prozent. 1970 lebten in einem thailändischen Haushalt im Schnitt 5,7 Menschen zusammen. Bei der Volkszählung von 2010 waren es noch 3,2.

Der Umbruch entspricht einem globalen Trend von der traditionellen zur modernen Gesellschaft, den Fachleute den demografischen Übergang nennen. In dessen Verlauf geht zuerst die Sterblichkeit zurück und später die Geburtenzahl. In der Zwischenphase wächst die Bevölkerung stark an. Diese Phase ist in Thailand mittlerweile fast abgeschlossen, denn die Geburten- und Sterberate nähern sich inzwischen auf einem niedrigen Niveau an, und die Bevölkerung wächst nur noch um rund 0,5 Prozent pro Jahr. Die Weltbank prognostiziert, dass sie ab 2023 schrumpfen wird. 2012 hatte Thailand 66,8 Millionen Einwohner.

Höhere Lebenserwartung

Der Trend zu geringerem Bevölkerungswachstum hat in Asien in der ersten Hälfte der 1970er Jahre eingesetzt. In Thailand verläuft die Entwicklung ähnlich schnell wie in China, Singapur, Taiwan und Südkorea. 1970 wuchs die Bevölkerung Thailands um 2,6 Prozent, 1990 waren es 1,4 Prozent und 2010 nur noch 0,6 Prozent. Gleichzeitig stieg die Lebenserwartung von 55 Jahren 1960 auf 74 Jahre 2011.

Aus westlichen Industrienationen vertraute Stichworte wie alternde Gesellschaft, Altersarmut oder auch Arbeitskräftemangel passen zunehmend auch auf Thailand. Nach Berechnungen der Weltbank wird der Anteil der über Sechzigjährigen ab 2015 stark zunehmen und bis 2060 auf 35 Prozent steigen. 2010 waren es 15 Prozent. Im Gegenzug sinkt der Anteil der arbeitenden Bevölkerung ab 2020.

Die Abhängigkeitsrate, also der Anteil der Senioren, Kinder und Jugendlichen, die von der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter abhängen, liegt zurzeit bei 56 Prozent. Nach Weltbank-Prognosen wird sie bis 2070 auf über hundert Prozent steigen. Es wird dann mehr Abhängige geben als Menschen im arbeitsfähigen Alter, und die meisten von ihnen werden alt sein.

Phumin Harinsut von der thailändischen Handelskammer schätzt, dass schon jetzt rund eine Million Arbeitskräfte fehlen. Ungelernte Arbeiter würden demnach vor allem auf dem Bau und in der Fischerei gesucht, Fachkräfte in der Automobilbranche, im Tourismus sowie im Dienstleistungsbereich. Die Arbeitslosenquote liegt bei unter einem Prozent. Ohne Arbeitsmigranten aus ärmeren Nachbarländern – schätzungsweise gibt es rund 3 Millionen – brächen manche Branchen zusammen. Harinsut fordert, das Rentenalter von 60 auf 65 Jahre anzuheben. Das Rentensystem selbst ist freilich auch noch nicht auf die künftigen Probleme eingestellt (siehe Kasten).

 

Sozialversicherung vernachlässigt Arme

Thailand kennt seit Anfang des 20. Jahrhunderts Pensionszahlungen für Staatsbedienstete. Mittlerweile gibt es acht staatlich unterstützte Renten- und Pensionsprogramme für verschiedene Bevölkerungsgruppen. Einige sind obligatorisch, andere freiwillig. Finanziert werden sie aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen sowie Zuschüssen der Regierung. Für wohlhabende Familien spielen auch private Lebensversicherungen eine Rolle.

Die Berechnung der Rentenhöhe ist kompliziert – unter anderem, weil Rentner Anspruch auf Zahlungen aus mehreren Kassen haben können. In der Regel reicht das Geld trotzdem nicht zum Leben.

Ein Beispiel: Wer 14 Jahre lang in den staatlichen Sozialversicherungsfonds eingezahlt hat, bekommt als Rente 20 Prozent des durchschnittlichen Monatseinkommens der letzten fünf Jahre, wobei die maximale Berechnungsgrundlage bei 15 000 Baht liegt. Die Rente beträgt demnach maximal 3000 Baht oder rund 70 Euro im Monat. Wer länger Fondsbeiträge entrichtet hat, bekommt für jedes zusätzliche Jahr weitere 1,5 Prozent des letzten durchschnittlichen Monatseinkommens.

Der Sozialversicherungsfond zahlt nicht nur Altersrenten, sondern auch Arbeitslosengeld und andere Sozialleistungen. Es gibt auch ein Krankenversicherungssystem, das allen zur Verfügung steht. Arme werden für einen kleinen Pauschalbetrag von 30 Baht (etwa 0,70 Euro) pro Arztbesuch behandelt.

Thailand hat damit eines der besten Sozialversicherungssysteme Asiens. Leider haben die Ärmsten davon aber am wenigsten. Laut Internationaler Arbeitsorganisation ILO machen die Familien, die von Arbeit im informellen Sektor abhängen, 76 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Der Sozialversicherungsfonds erreicht sie kaum, obwohl die Regierung für diese Zielgruppe ein freiwilliges Sozialversicherungspaket geschaffen hat und teilweise sogar subventioniert. Doch wer von der Hand in den Mund lebt, kann kaum Sozialabgaben entrichten. Die Regierung hofft, in den kommenden Jahren die Situation der betroffenen Menschen verbessern zu können.

Phooratong Boonruang arbeitet seit ihrer Jugend als Hausangestellte in Bangkok; ihr Mann ist Taxifahrer. Beide haben keine formale Anstellung und haben nie in Sozialversicherungs- oder Rentenkassen eingezahlt. Leuten wie ihnen steht ab 60 Jahren eine Sozialrente von 600 Baht pro Monat zu, umgerechnet knapp zwölf Euro. Das ist sehr wenig, aber laut Weltbank hilft dieses magere Zubrot extreme Altersarmut zu verhindern. Der Betrag steigt mit jedem Lebensjahrzehnt um 100 Baht. Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindestlohn in der formal organisierten Wirtschaft liegt bei 300 Baht pro Tag.

„Wenn wir Geld übrig haben, bringen wir es zur Bank. So versuchen wir selbst, ein wenig fürs Alter zu sparen“, sagt die 54-Jährige. Ansonsten lautet ihre Strategie: So lange arbeiten, wie es geht. Und wenn es nicht mehr geht? „Dann werden unsere Kinder uns unterstützen.“ So war es früher, und so ist es in weiten Teilen, vor allem auf dem Land, noch heute.

Die Söhne gehören dagegen der neuen Generation an: Einer ist bei einem Unternehmen angestellt, der andere beim Staat. Beide sind pflichtversichert. Und das ist auch wichtig, denn Nachwuchs ist bislang nicht in Sicht, auch wenn der Jüngere verheiratet ist. „Meine Schwiegertochter hat eine gute Stelle, sie verdient mehr als mein Sohn“, sagt Phooratong Boonruang. „Sie möchte erst einmal arbeiten und keine Kinder haben.“