Thaizeit | September/Oktober/November 2011 | pdf

Lady-Dogs

Geziert trippeln sie mit pink lackierten Krallen über die Straße. Sie tragen Spangen und Schleifen im Fell, Designer-Jäckchen beziehungsweise in dieser Jahreszeit selbstverständlich einen trendigen Regenmantel, und gerne auch Schühchen – man könnte sich ja die zarten Pfoten schmutzig machen! Diese Tiere haben mit Hunden in etwa so viel gemein wie Lady-Boys mit Männern. Das heißt, rein zoologisch handelt es sich schon um Hunde. Soziologisch hingegen um Ladys.

Die Besitzerinnen der Lady-Dogs sind in der Regel langhaarige, hochhackige Thailänderinnen, die außer ihren rosa gestylten Hunden gerne auch andere Accessoires aus dem Hello-Kitty-Barbie-Prinzessinnen-Segment zur Schau tragen. Einen Mann mit Lady-Dog sieht man jedenfalls eher selten. Und wenn, hat seine Liebste ihn wahrscheinlich mit ihrem Hund zum Gassi-Gehen geschickt.

Wobei ich mich zuweilen frage, ob die Lady-Dogs überhaupt laufen können. Meiner Beobachtung nach werden sie meistens entweder gefahren oder getragen. Beim Shoppen, der Lieblingsbeschäftigung ihrer Frauchen, sitzen sie häufig im Einkaufswagen und erregen dort ebenso viel Aufsehen durch putziges, mit großen Augen unter der rosa Schleife hervorlugen wie anderer Leute Kleinkinder. So ein Wagen ist jedoch nicht überall praktisch. Das weiß jeder, der schon mal einen Buggy über den Chatuchak-Markt geschoben hat. Für solche Gelegenheiten gibt es praktische Tragevorrichtungen, in denen der Hund vor Frauchens Bauch hängt; die Variante für Menschenkinder ist auch unter dem Namen „Babybjörn“ bekannt. Einen Deutschen Schäferhund jenseits des Welpenalters darin zu tragen, wäre keine gute Idee.

Aber die Thailänder stehen eh mehr auf handliche Varianten. An Nummer eins auf der Beliebtheitsskala rangiert der Chihuahua, die kleinste Hunderasse der Welt, gefolgt vom nicht viel größeren Pomeranian oder Zwergspitz. Auch Shih Tzu und Yorkshire Terrier, auf Platz drei und vier, sind in die Kategorie Schoßhund einzuordnen.

Meine These, dass die Bangkoker Lady-Dogs eher in klimatisierten Condos auf dem Sofa liegen als sich in den Sois herumzutreiben, sah ich durch die Ankündigung für eine Hunde-Show bestätigt. Unter den beworbenen Highlights, zu denen ein Schönheitswettbewerb und eine Wohltätigkeitsauktion zu Gunsten behinderter Hunde gehörten, fand sich auch ein Hunde-Gewichtsabnahme-Programm. Vielleicht wurden dort – neben Tipps zur richtigen Diät – Indoor-Fitnessgeräte für das tägliche Workout der Hunde angeboten. Wer weiß. Ich bin nicht hingegangen.

Bestimmt langweilt sich so ein übergewichtiges Sofatier zuweilen. Klar, es gibt die Aussicht vom Balkon, auf den der Käfig tagsüber geschoben wird, die Gerüche, die dort vorüberziehen. Es gibt die Besuche beim Friseur oder der Pediküre. Aber sonst: Nur schlafen und fressen? Damit auch die Kultur nicht zu kurz kommt, wurde in Bangkok kürzlich das angeblich erste tierische Theaterstück auf die Bühne gebracht: Elf Hunde und eine Katze spielten eine Art Musical für Tiere und ihre Begleiter. Wie es dem Publikum gefallen hat, ist allerdings nicht überliefert.

Damit kein einseitiges Bild vom thailändischen Hundeleben entsteht, will ich nicht verschweigen, dass es durchaus nicht nur verhätschelte Vierbeiner gibt, die ins Theater gehen, über ein eigenes Zimmer mit Bett und Kleiderschrank verfügen und nach ihrem Ableben in einer buddhistischen Zeremonie verbrannt werden. Nein, es gibt auch massenhaft Hunde, die misshandelt oder ausgesetzt werden, ganz zu schweigen vom gemeinen Soi-Hund, der sowieso ein eher erbärmliches Dasein fristet.

Seine Artgenossen im Nordosten des Landes müssen sogar den Metzger fürchten: Dort werden Hunde zuweilen (noch?) gegessen. Oder zum selben Zwecke in Nachbarländer exportiert. Meistens muss ja China als schlechtes Beispiel herhalten, wenn es um den Verzehr von Tieren geht, die wir Europäer beim besten interkulturellen Willen nicht über die Lippen bringen. Auch dahin ist es nicht weit.

Dass Hunde in Thailand nicht uneingeschränkt den grandiosen Ruf als „bester Freund des Menschen“ genießen, wurde in der Wahlkampagne der „Für-Himmel-und Erde-Partei“ deutlich. Die rief dazu auf, „keine Tiere ins Parlament zu lassen“ und am 3. Juli keine Partei, sondern „Nein“ zu wählen. (In Thailand gibt es offenbar auch ein „Nein“-Feld auf dem Wahlzettel.) Auf einem der Plakate war ein Hund im Anzug zu sehen. Andere zeigten Büffel, Warane, Affen und andere Tiere. Es gab hitzige Diskussionen darüber, ob mit der Kampagne Politiker generell diffamiert würden und ob die Plakate verboten werden sollten.

Eine schöne Wendung in die Debatte brachten Veterinäre und andere Tierliebhaber, die darauf hinwiesen, dass die gezeigten Tiere – im Gegensatz zu Politikern – niemals lügen und auch nicht per se gierig oder aggressiv sind. Blieb also am Ende die Frage stehen: Verunglimpft der Vergleich von Politikern mit Tieren die Politiker oder die Tiere? Dazu konnte sich jede und jeder demokratisch ihre beziehungsweise seine Meinung bilden und am Wahltag manifestieren.

Dass die Plakate keinen niedlichen Chihuahua mit rosa Schleife zeigten, versteht sich von selbst. Der Hund sah schon eher einem Deutschen Schäferhund ähnlich. Naja, nicht ganz, aber so die Richtung. Jedenfalls fühlen sich die thailändischen Lady-Dogs mit ihm vermutlich noch nicht einmal entfernt verwandt.