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Neue Zürcher Zeitung | 15.04.2005 | link | pdf

Ein schwarzer Tag für Kambodscha

Vor dreissig Jahren ergriffen die Roten Khmer die Macht

Am 17. April 1975 haben die Roten Khmer die Macht in Kambodscha übernommen. Damit begann für die Bevölkerung ein fast vier Jahre währender Albtraum, den zwei Millionen Menschen mit dem Leben bezahlten. Das Bedürfnis nach Gerechtigkeit und nach juristischer Aufarbeitung der Geschichte ist heute gross. Die Bevölkerung hofft, dass diejenigen Täter, die noch am Leben sind, bald vor ein Tribunal gestellt werden.

«Erst war es nur ein Gerücht. Die Roten Khmer sind in der Stadt. Sie vertreiben alle Menschen aus ihren Häusern. Wer umkehrt, den erschiessen sie.» Sor My hat Pol Pots Soldaten, die am 17.April 1975 in die kambodschanische Hauptstadt einmarschierten, nicht gesehen. Der damals 34-jährige Arzt wohnte mit seiner Familie am Stadtrand. «Sie haben im Zentrum angefangen und dann immer mehr Bezirke unter ihre Kontrolle gebracht», erzählt er. Zwei Tage später kam eine Gruppe von Roten Khmer in seine Strasse. Da habe er angefangen zu packen.

Systematische Vertreibung aus der Stadt

Mit der Eroberung Phnom Penhs vor dreissig Jahren übernahmen die Kommunisten die Macht in Kambodscha. Das Militärregime des von den USA unterstützten Generals Lon Nol, der sich 1970 an die Macht geputscht hatte, ging damit zu Ende. Beim Einmarsch der Roten Khmer jubelten die Bewohner Phnom Penhs den zumeist sehr jungen, in Schwarz gekleideten Männern zu. Man feierte sie als Befreier. Man war glücklich über das Ende des Bürgerkrieges und hoffte auf eine Wendung zum Besseren. Stattdessen markierte der Tag den Beginn eines fast vier Jahre währenden Albtraums. Die Vertreibung begann sofort. Alle Menschen mussten die Stadt verlassen, Sterbende wurden aus den Krankenhäusern, Mütter aus dem Wochenbett geholt. Phnom Penh hatte damals zwei Millionen Einwohner – und damit mehr als heute. In breiten Kolonnen strömten diese über die Ausfallstrassen aufs Land.

Die Roten Khmer rechtfertigten die Vertreibung damit, dass die Amerikaner die Stadt bombardieren wollten. Es hiess, nach drei Tagen könnten alle in ihre Häuser zurückkehren. Sor My war diesbezüglich skeptisch. Die angebliche Bombardierung erschien ihm wenig plausibel und drei Tage dafür zu kurz. «Ich dachte, in Phnom Penh werde nach Lon-Nol-Soldaten gesucht, die sich in den Häusern verstecken.» Danach könne man wieder nach Hause, glaubte der heute 64-Jährige. Niemand konnte damals ahnen, dass vier Jahre lang kaum jemand die Stadt betreten würde.

Die Roten Khmer plünderten Häuser, Geschäfte und Tempel. Sie sprengten die Kathedrale und die Nationalbank in die Luft und machten Phnom Penh zu einer Geisterstadt. Die Religion wurde verboten, das Geld abgeschafft, Schulen und Krankenhäuser geschlossen und beinahe die gesamte Bevölkerung zur Arbeit auf dem Land gezwungen. «Ich habe Reis gepflanzt», ist die Standardantwort, die man heute bekommt, wenn man Kambodschaner fragt, was sie in der Zeit des Pol-Pot-Regimes gemacht haben.

Fast zwei Millionen Todesopfer

Sor My packte das Nötigste auf sein Moped und machte sich mit Frau und Kind und mit seinem Bruder und seiner Mutter, die aus der Provinz zu Besuch waren, auf den Weg. «Ausserhalb der Stadt sah ich Tote am Strassenrand liegen», erinnert er sich. «Ausserdem Autos, Fernseher und andere Dinge, welche die Leute zurücklassen mussten.» Nach drei Tagen wurde auch seine Familie gezwungen, sich von ihrem Moped zu trennen und auf einem Lastwagen mitzufahren. Er habe nur ein Rad mitgenommen, weil das alles gewesen sei, was er habe tragen können. Die meisten Menschen hätten in dieser Zeit alles verloren, was sie besessen hätten.

Der Schreckensherrschaft, die mit dem Exodus aus Phnom Penh begonnen hatte, fiel ein grosser Teil der kambodschanischen Bevölkerung zum Opfer. Niemand weiss, wie viele es genau waren. Die Schätzungen bewegen sich zwischen einer und dreieinhalb Millionen. Die Regierung spricht offiziell von drei Millionen Opfern. Die realistischste Zahl scheint 1,7 Millionen zu sein. Das wäre ungefähr jeder vierte der damaligen kambodschanischen Bevölkerung. Kinder, Frauen und Männer verloren ihr Leben auf den «Killing Fields» oder am Strassenrand. Sie verhungerten, arbeiteten sich zu Tode, starben an unbehandelten Krankheiten und an den Folgen von Folter oder wurden ganz einfach ermordet. Jede Familie in Kambodscha war betroffen, von den ärmsten Reisbauern bis zur Königsfamilie.

«Eine Narbe in der Seele»

Das Ideal der Roten Khmer unter der Führung von Pol Pot, der mit bürgerlichem Namen Saloth Sar hiess, war eine kommunistische Agrargesellschaft. Das Regime hatte es insbesondere auf die «verdorbene» intellektuelle Elite des Landes abgesehen. «Jeder wurde nach seinem Beruf gefragt», erinnert sich Sor My an die ersten Tage nach der Vertreibung. «Niemand kannte damals die Philosophie der Roten Khmer, also waren die Leute ehrlich.» Auch er war ehrlich. Dass er als Arzt überlebt habe, habe er dem Vorsteher des Dorfes zu verdanken, in dem er tagein, tagaus Bewässerungskanäle habe graben müssen. Dieser habe nicht so viele Menschen töten lassen wie andere. Nicht alle Roten Khmer seien gleich grausam gewesen.

Andere Mitglieder aus Sor Mys Familie hatten weniger Glück. Kurz nach der Vertreibung aus Phnom Penh wurde der Arzt von seiner Mutter und seinem Bruder getrennt. Die beiden schafften es später zurück in den Heimatort der Familie in der Provinz Kompong Speu, wo sich auch der Vater und drei weitere Geschwister aufhielten. «Einer meiner Brüder war Soldat unter Lon Nol gewesen», erzählt Sor My. «Er hatte eine Foto von sich in Uniform, das er hinter einem Spiegel versteckt hielt. Eines Tages waren Rote Khmer im Haus, und der Spiegel ist zerbrochen. Da haben sie das Foto gefunden. Am nächsten Vormittag haben sie meinen Bruder getötet. Am Nachmittag haben sie dann die anderen Familienmitglieder abgeholt.» Nur eine Schwester habe überlebt, da sie zu diesem Zeitpunkt gerade nicht im Haus gewesen sei. Ein Cousin, der im selben Dorf lebte, hat ihm die Geschichte erzählt. Sor My kann sie nicht vergessen. Der Tod seiner Eltern sei eine Narbe in seiner Seele, sagt er.

3 Jahre, 8 Monate und 20 Tage dauerte die Schreckensherrschaft Pol Pots. Am 7.Januar 1979 befreiten die Vietnamesen Kambodscha aus dem Würgegriff der Roten Khmer. Wie viele andere Hauptstädter konnte Sor My nach Phnom Penh zurückkehren, wo er noch heute als Arzt arbeitet. Bis zur Auflösung der politischen und militärischen Strukturen der Roten Khmer dauerte es allerdings weitere 9 Jahre, und erst 1998 war der Bürgerkrieg endgültig beendet.