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Das fiktive Gericht während einer Verhandlung.
E+Z | 24.07.2018 | Link

Inszenierte Gerechtigkeit

Im ressourcenreichen Ostkongo überlagern sich lokale Machtansprüche mit globalen Interessen; Korruption, Staatsversagen und Rechtlosigkeit führen zu erschütternden Zuständen. Der Alltag der Menschen ist geprägt von Mord, Vergewaltigung und Vertreibung. Niemand sühnt diese Verbrechen, kein Gericht zieht die Verantwortlichen zur Rechenschaft. Also hat Milo Rau ein Tribunal geschaffen. Für die Bühne – aber mit Implikationen fürs echte Leben. Dieser Beitrag ist der fünfte unseres diesjährigen Sommer-Spezialprogramms mit Rezensionen künstlerischer Werke mit entwicklungspolitischer Relevanz.

Es gibt in Wirklichkeit gar kein Kongo-Tribunal. Was der Film zeigt, ist Fiktion: Richterbank und Zeugenstand stehen auf einer Theaterbühne, vor Beginn der Verhandlung fällt die Filmklappe. Doch die Verbrechen, um die es geht, sind echt. Und die Gefühle, die sich in den Gesichtern von Opfern, Zeugen und Zuschauern zeigen, sind es auch: Wut, Trauer, Verzweiflung, Hilflosigkeit. Manche sprechen mit zitternder Stimme, andere haben Tränen in den Augen.

Gegenstand des vom Schweizer Regisseur Milo Rau inszenierten Kongo-Tribunals sind Verbrechen gegen die Bevölkerung der Provinz Süd-Kivu im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Es ist eine reiche Gegend: äußerst fruchtbares Land, viele wertvolle Bodenschätze. Doch den Menschen, die dort leben, bringt dieser Reichtum vor allem Unglück. Der Ostkongo ist ein Schlachtfeld für eine Vielzahl skrupelloser bewaffneter Gruppen (siehe Interview mit Christoph Vogel in E+Z/D+C e-Paper 2018/02, S. 26).

Internationale Bergbauunternehmen, die dort in großem Stil Gold, Diamanten und Seltene Erden für den Weltmarkt abbauen, zerstören die Lebensgrundlagen der Bewohner. Menschen werden vertrieben und dafür nicht entschädigt. Ihre Arbeit wird ihnen genommen, denn viele schürften vorher selbst in den Minen, die jetzt den Multis gehören. Ziegen sterben an giftigem Wasser, Landwirtschaft ist in den verseuchten Gebieten nicht mehr möglich.

Dazu kommen die Überfälle verschiedenster Rebellengruppen, die um Macht und Rohstoffe, gegen die Bergbauunternehmen, gegen die Regierungstruppen und gegeneinander kämpfen. Mord, Vergewaltigung und  Menschenrechtsverletzungen aller Art sind an der Tagesordnung. All das zeigt der Film, eher nüchtern, dokumentarisch als emotional und anklagend. Und all das ist – nach allem, was man von dieser Weltgegend weiß – real. Im Ostkongo toben seit mehr als 20 Jahren bewaffnete Konflikte, Millionen Menschen kosteten sie das Leben.

„Niemand vertritt unsere Interessen“, sagt ein Dorfbewohner im Film. Dieser zeigt außer dem Tribunal, das 2015 in Berlin und Bukavu, der Hauptstadt Süd-Kivus, aufgeführt wurde, auch Milo Raus Recherchen an den Schauplätzen der Verbrechen. Die Aussage fasst die Hilflosigkeit der Menschen, ihr völliges Ausgeliefertsein, in einem Satz zusammen. Niemand interessiert sich für sie, niemand schützt sie. Weder der eigene Staat, dessen Truppen vor Ort den Massakern zuschauen – oder gar selbst welche verüben – noch die internationale Gemeinschaft, die zwar seit 1999 mit einer großen UN-Mission vor Ort ist, die der Bevölkerung aber keine Sicherheit bietet.

Es gibt kein Tribunal, das diese Verbrechen ahndet. Weder ein lokales noch ein internationales Gericht beschäftigt sich damit. Aber es sollte eins geben. Deshalb hat Milo Rau dieses große transmediale Kunstprojekt gestartet, das neben dem Theaterstück und dem Film auch ein Buch, eine Website mit Doku-Game und Archiv sowie eine Symposien-Tour umfasst. Er will den Opfern eine Stimme geben, die Gräueltaten bekannt machen und die Gründe dafür zeigen, dass sie nicht aufhören. Dazu verhandelt das Tribunal exemplarisch drei echte Fälle: ein Massaker an Frauen und Kindern im Dorf Mutarule mit mehr als 30 Toten und Enteignungen und Zwangsumsiedlungen für den Abbau von Bodenschätzen in Twangiza und Bisié.

Mit dem Projekt prangert Milo Rau das totale Staatsversagen und die Rechtlosigkeit an, die im Ostkongo herrscht, und legt gleichzeitig den Finger in die Wunde internationaler Verantwortung. Von dort, aus dem Land, das der polnisch-britische Schriftsteller Joseph Conrad einst als „Herz der Finsternis“ beschrieb, kommen die Materialien, die heute das Herz unserer Kommunikationsmittel bilden: Koltan, Kobalt, Wolfram.

Als Darsteller des Kongo-Tribunals konnte Milo Rau echte Juristen, echte Opfer und sogar echte Schuldige gewinnen. Im Regiestatement schreibt er: „Bis heute verstehe ich nicht ganz, warum der (später entlassene) Minen- und der (ebenfalls entlassene) Innenminister [der Provinz Süd-Kivu, Anmerkung der Redaktion], mehr oder weniger direkt verantwortlich für die Massaker in Mutarule, an dem Tribunal teilnahmen. Wie es möglich war, dieses im Herz des Bürgerkriegsgebiets durchzuführen – vor 1000 Zuschauern, aufgezeichnet von 7 Kameras, an einem Ort, an dem es kaum genug Strom für ein paar Glühlampen gibt.“

Zwei der Beteiligten kämpfen nun für ein echtes Tribunal: der Strafverteidiger und Opfervertreter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag Jean-Louis Gilissen, Vorsitzender des theatralen Tribunals, und der kongolesische Menschenrechtsanwalt Sylvestre Bisimwa, der den Untersuchungsleiter spielte. Zur Finanzierung hat der Kölner Verein Doctivism eine Crowdfunding-Aktion gestartet. Das inszenierte Tribunal in Bukavo stellt am Ende eine Schuld des kongolesischen Staates und der Armee fest. In der Realität wäre das ein Sensation.