Foto: Nicholas Hollmann
Der Markt Psah Thmey in Phnom Penh.
FAZ | 18.04.2007 | link

Das schnelle Leben in Phnom Penh

Kambodscha befindet sich mitten in der Aufarbeitung seiner düstersten Epoche, der Terror-Herrschaft der Roten Khmer. Das Volk will nach vorne sehen können und aus Phnom Penh wieder die „Perle Südostasiens“ machen.

Phnom Penh zählt zu den finsteren Hauptstädten der Welt. Das ist wörtlich zu nehmen und wird unmittelbar sinnfällig, wenn man mit dem Flugzeug aus den Lichterteppichen der nahen Metropolen Bangkok, Kuala Lumpur oder Saigon aufgestiegen ist und in die Nacht von Phnom Penh einfliegt. Die Nacht dort ist schwarz wie Pech. Erst unmittelbar bevor das Flugzeug aufsetzt, tauchen aus dem Dunkel die Laternen am Russen-Boulevard auf, der breiten Chaussee, die vom Flughafen ins Stadtzentrum führt, und dann sieht man die Lichter des Pochentong Airports. Viel mehr Licht hat Phnom Penh nicht zu bieten. Und dennoch gibt es dunklere Städte. Monrovia zum Beispiel, die Hauptstadt Liberias in Westafrika, hatte bis vor kurzem überhaupt keinen Strom, und in Port-au-Prince auf Haiti werden die privilegierten Bewohner allenfalls für fünf, sechs Stunden täglich mit Elektrizität versorgt.

Im Vergleich dazu hat der Fortschritt in Phnom Penh längst Einzug gehalten. Nur jeder fünfte Haushalt ist dort noch ohne Strom, wer an das Elektrizitätsnetz angeschlossen ist, profitiert von diesem Zustand rund um die Uhr. So heißt es jedenfalls offiziell. Aber Kambodscha kriecht ja auch nicht gerade erst aus den Trümmern eines Bürgerkriegs. Die letzten Roten Khmer, die das Land in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre terrorisierten und Phnom Penh in eine Geisterstadt verwandelten, haben sich 1998 ergeben, das Land befindet sich mitten in der Aufarbeitung seiner düstersten Epoche. Das „Rote-Khmer-Tribunal“ hat im Juli vorigen Jahres begonnen, im kommenden Jahr soll die Handvoll noch lebender Verantwortlicher vor Gericht stehen. Das Volk hofft auf Gerechtigkeit für mehr als anderthalb Millionen Opfer. Und vielleicht hoffen die Menschen sogar noch mehr darauf, dass ihr kleines Königreich in den Augen der Welt endlich erlöst wird von dem brutalen Völkermord. Schluss mit der blutigen Vergangenheit, lautet die Devise. Kambodscha schaut nach vorn, Phnom Penh soll wieder die „Perle Südostasiens“ werden.

Stadt des Glücks, Stadt der Sonne

Die Stadt, die im fünfzehnten Jahrhundert nach dem Fall des Angkor-Reichs erstmalig und 1866 dauerhaft zur Hauptstadt wurde, geht auf wie ein Hefefladen. Zurzeit hat Phnom Penh knapp anderthalb Millionen Einwohner, in fünfzehn Jahren werden es voraussichtlich doppelt so viele sein, anderen Prognosen zufolge schon in zehn. Die neuen Wohngebiete, die an den Rändern aufquellen, heißen „Sun City“, „World City“ und „Happiness City“. Schmale, tiefe Gebäude im Stil chinesischer Ladenhäuser reihen sich an frisch geteerten Straßen aneinander, alle sind der Form nach gleich, viele rosafarben gestrichen. Dorthin zieht die wachsende Mittelschicht. Im Zentrum wird eine informelle Siedlung nach der anderen geräumt; Investoren schütten Seen zu, um Bauland zu gewinnen. Was die Regierenden stolz als Entwicklung preisen, kommt mit dramatischen Nebenwirkungen daher: Die Armen der Stadt werden aus dem Zentrum aufs nackte Reisfeld vertrieben, ohne sauberes Wasser, ohne Strom, ohne Schulen und Arbeit. Und die Regenmassen, die der Monsun bringt, fließen durch die zunehmende Versiegelung des Stadtgebiets nicht mehr ab, sondern verwandeln sogar die großen Boulevards in knietiefe Kanäle.

Kambodscha befindet sich mitten in der Aufarbeitung seiner düstersten Epoche, der Terror-Herrschaft der Roten Khmer. Das Volk will nach vorne sehen können und aus Phnom Penh wieder die „Perle Südostasiens“ machen. Weil immer mehr Hauptstädter immer mehr Klimaanlagen und Kühlschränke anschließen, häufen sich Stromausfälle. Wer in der heißesten Zeit des Jahres, die gerade wieder begonnen hat, tagsüber in einem Café an der Riverside, dem Ufer des Tonle Sap, den Tag verdämmert, muss damit rechnen, dass der Ventilator über ihm plötzlich aufhört, sich zu drehen. Doch bevor das Bier im Kühlschrank warm wird, ist der Strom meist wieder da.

Markisen aus Stein

Vor dem Zeitalter der Klimaanlagen bekämpften die Bewohner der Hauptstadt die ganzjährig tropische Hitze mit raffinierter Architektur: mit hohen Räumen, schattenspendenden Gebäudeelementen und natürlicher Ventilation. Der Psah Thmey, der 1936 unter französischer Kolonialherrschaft erbaute Zentralmarkt, zeigt bis heute vorbildlich, wie umfassende Winddurchlässigkeit bei gleichzeitigem Schutz gegen Sonne und Regen erreicht wird. Der kreuzförmige Bau mit einer großen Kuppel im Zentrum ist löchrig wie ein Sieb. Steinerne Markisen schützen die Mauern vor Sonnenstrahlung und heftigen Regenfällen.

Ein angenehmer Luftzug weht durch die Halle. Sogar in dem Flügel, in dem rohes ungekühltes Fleisch verkauft wird, das schon einige Stunden liegt, ist der Geruch erträglich. Der Anblick der Ware hingegen ist für Menschen, die ihre Filets üblicherweise aus dem Supermarkt beziehen, ungewohnt. Schweineschnauzen liegen neben Schüsseln voller Eingeweide. Was hier verkauft wird, sind keine anonymen Fleischstücke, sondern erkennbare Körperteile. Dazwischen Stände mit Bergen pinkfarbener Drachenfrüchte, stacheligen Rambutan, süßlich stinkenden Durian. Ungezählte Früchte ohne deutsche Namen. Man darf sie alle probieren. Geröstete Spinnen und Heuschrecken gibt es auch.

Illegale Verlockung

Im Flügel auf der anderen Seite, über das Rondell hinweg, wo Uhren, Schmuck und Sonnenbrillen verkauft werden, kann sich der Tourist aus Europa oder Amerika mit Levi's-Jeans, Adidas-T-Shirts und GAP-Blusen eindecken. In jeder Größe, zu einem Zehntel des Preises von zu Hause. Die Markenstücke werden in Kambodscha genäht: Die Textilindustrie ist die einzige nennenswerte Industrie im Lande. Wichtigster Wirtschaftszweig ist nach wie vor die Agrarwirtschaft.

Den dritten Flügel des Markts, mit Kleidung für Kambodschaner, durchqueren die meisten Parangs, wie westliche Ausländer hier genannt werden, schnell. Zu klein. Zu rosa. Zu rüschig. Auf der anderen Seite lockt Illegales. Hollywood-Filme landen per raubkopierte DVDs, Monate bevor sie ins Kino kommen, im Psah Thmey. Das Computerprogramm Windows XP kostet zwei Dollar. Computerspiele und Musik-CDs: kaum ausgelegt, sind sie schon weg. Zwar ist Kambodscha seit drei Jahren Mitglied der Welthandelsorganisation, doch das Land hat eine Schonfrist, bis es die internationalen Regeln des Kaufens und Verkaufens wirklich einhalten muss.

Toll ist, was modern ist

Die neue Warenwelt ist inzwischen in direkter Nachbarschaft des Zentralmarktes im mehrstöckigen, zylinderförmigen Soriya Shopping Center zu bewundern. Das 2002 erbaute erste Einkaufszentrum Kambodschas ist eine Attraktion für sich. Während Touristen das vermeintlich authentische Flair traditioneller Märkte bevorzugen, führen die Hauptstädter ihre Besucher in das kälteste Gebäude Phnom Penhs. Menschen vom Land sind daran zu erkennen, dass sie einander fest an den Händen fassen, bevor sie sich auf die Rolltreppen wagen. Die Reichen kommen in Geländelimousinen und kaufen Fernseher und Playstations, ihre Kinder essen Hamburger bei BBWorld.

Toll ist in Phnom Penh, was modern ist. Altes zu bewahren gilt heute nur als sinnvoll, wenn es sich rechnet. So verschwinden die französischen Kolonialbauten nach und nach aus dem Stadtbild. Rund um die Hauptpost war das alte französische Viertel. Zwei Prachtbauten stehen am Sothearos Boulevard, wenige Meter von der Riverside entfernt, gleich gegenüber dem Nationalmuseum, das um 1920 nach den Plänen eines französischen Architekten im traditionellen kambodschanischen Stil erbaut wurde. In der einen Villa residiert die Unesco, die andere soll einem Halbbruder von König Norodom Sihamoni, Prinz Norodom Ranariddh, gehören, der dort angeblich seine Leibwächter sowie andere Bedienstete und ihre Familien wohnen lässt. An der Unesco-Villa glänzt weißer Stuck auf ockerfarbenem Grund, die grün-weißen Fensterläden sehen aus wie neu, das ganze Haus ist ein Schmuckstück. An dem anderen, architektonisch noch prächtigeren Gebäude ist das ehemalige Ockergelb der Fassade mittlerweile schmutziggrau, Plastikfolie hält den Regen draußen, Wellblechwände machen aus einem Balkon ein zusätzliches Zimmer.

Klimagerechte Tropenarchitektur

Neben den Franzosen, die in Kambodscha von 1863 bis 1953 herrschten, hat vor allem Vann Molyvann die Architektur der Hauptstadt geprägt. Die Wahrzeichen des „goldenen Zeitalters“ der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts stammen von dem heute achtzig Jahre alten kambodschanischen Stararchitekten. Er entwarf so unterschiedliche Bauten wie das Olympiastadion und die Universitätsbibliothek, das Chaktomuk-Theater und das Unabhängigkeitsdenkmal, Villen sowie das „White Building“ und das „Grey Building“. Diese beiden Gebäude stehen für den einzigen fehlgeschlagenen - Versuch, in Kambodscha sozialen Wohnungsbau einzuführen. Dank Vann Molyvann, der klimagerechte Tropenarchitektur mit internationalen Stilelementen verband, war Phnom Penh vor 1970 zu einer der modernsten Städte Südostasiens gewachsen.

Dieser Blütezeit setzte der Krieg ein Ende. Im Jahre 1970 putschte der von Amerika gestützte General Lon Nol gegen Norodom Sihanouk und errichtete ein Militärregime. Dass es noch schlimmer kommen sollte, ahnten die Bewohner von Phnom Penh nicht. Im Gegenteil: Als Befreier feierten sie die jungen, ganz in Schwarz gekleideten Männer, die am 17. April 1975 in der Hauptstadt einmarschierten. An diesem Tag übernahmen die Roten Khmer die Macht in Kambodscha - und begannen sofort mit der Vertreibung der Einwohner. Alle Menschen -mehr als zwei Millionen, damit mehr als heute mussten die Stadt verlassen. Sterbende wurden aus den Krankenhäusern, Mütter aus dem Wochenbett geholt.

Ein Land im Würgegriff

Pol Pot, der Anführer der Roten Khmer, und seine Schergen schickten die Bevölkerung des Landes zur Arbeit auf die Reisfelder. Künstler, Intellektuelle, Mönche aber töteten sie nach Plan. Jeder vierte Kambodschaner verhungerte, arbeitete sich zu Tode, starb an unbehandelten Krankheiten oder den Folgen der Folter. Überall im Land wurden Hinrichtungsstätten eingerichtet, die bekanntesten „Killing Fields“ erstrecken sich direkt vor den Toren der Hauptstadt. Heute sind sie eine der wichtigsten Touristenattraktionen.

Am 7. Januar 1979 befreite die Armee Vietnams das Nachbarland aus dem Würgegriff der Roten Khmer. Dennoch konnten die Hauptverantwortlichen des Genozids dreißig Jahre lang unbehelligt in Kambodscha verbleiben. Nur Kaing Khek Iev, bekannt unter dem Namen „Duch“, sitzt seit nunmehr acht Jahren ohne Verurteilung im Gefängnis. Er hatte das berüchtigte Foltergefängnis Tuol Sleng im Süden der Hauptstadt geleitet, in dem siebzehntausend Menschen gefoltert wurden, bevor man sie auf den Killing Fields ermordete. Heute ist in der ehemaligen Schule das Genozid-Museum untergebracht. Bei den Kambodschanern ist das von den Vietnamesen eingerichtete Museum wie auch die Killing-Fields-Gedenkstätte, die inzwischen von einer japanischen Firma verwaltet wird, umstritten. Als Buddhisten gedenken sie der Toten anders. Ihrem Glauben nach dürfen Gebeine nicht ausgestellt, sondern müssen verbrannt werden.

Kommerz kommt vor Tradition

Während Phnom Penh seine Stätten des Grauens schon der Touristen wegen erhält, stehen etliche Bauten von Vann Molyvann zur Disposition. Abreißen oder restaurieren, lautet die Frage. Die Stadtväter zögern noch. Das heißt, sie tun gar nichts. Ein Beispiel für Verharren im Spannungsfeld sich widersprechender Interessen ist das Bassac- Theater. Große Teile des 1966 erbauten Nationaltheaters sind vor zwölf Jahren abgebrannt. Seitdem lebt es als Ruine fort und bietet arbeitslos gewordenen Schauspielern, Tänzern, Musikern, Puppenspielern und Akrobaten eine morbide Heimat.

Auf der Bühne, die kein Dach mehr schützt, wachsen Bäume, im Zuschauerraum ist eine Kochecke eingerichtet, eine Frau hängt Wäsche auf. Doch der Ort ist immer noch voller Kunst: Im Foyer, das die Flammen verschonten, probt eine Gruppe Mädchen den traditionellen Apsaratanz, zwei Männer spielen Xylophon. In den Ecken stapeln sich Kulissenteile, Trommeln und ein Buddha aus Pappmaché. Rinderhäute, aus denen Schattenpuppen gefertigt werden, sind zum Trocknen aufgespannt. Manchmal treten die Künstler, die in einfachen Hütten hinter dem Theater wohnen, bei privaten Festen auf.

Der letzte Hoffnungsschimmer

Das Gebiet am Ufer des Tonle Bassac, in dem das Theater liegt, wird zurzeit entwickelt. Den Blick auf den braunen Strom mit seinen Fischerbooten verstellt ein Bauzaun. Schräg gegenüber dem Theater entsteht ein repräsentativer Neubau für die Nationalversammlung, Tausende Bewohner einer wild gewachsenen Siedlung mussten inzwischen einem geplanten Handelszentrum weichen.

Das Schicksal von Vann Molyvanns Gebäude und der Künstlergemeinde in der Ruine ist in dem Möchtegern-Vorzeigeviertel ungewiss. Die Aussichten sind allerdings eher düster: In der Vision des neuen, modernen Phnom Penh rangiert Kommerz vor Tradition. Die Stadtplaner wollen Wolkenkratzer sehen, keine Wellblechhütten. Investoren sollen die Stadt bevölkern. Und Touristen. Dass die auch das alte Phnom Penh erleben wollen, könnte der letzte Hoffnungsschimmer sein für Kolonialvillen und Sechziger-Jahre-Bauten, die der Stadt bis heute einen Charme verleihen, den vielleicht wirklich nur noch Parangs wahrnehmen.