Thaizeit | Juni/Juli 2011 | pdf

Bangkok 21

Stell dir vor, du stehst über den Dingen. Du schaust herab auf alles Üble: laute, stinkende Autos, streunende Hunde, Nudelsuppenverkäufer. Unter dir das Fußgängerärgernis schlechthin, glücklicherweise nun ein Schrecken der Vergangenheit: der berüchtigte Bangkoker Slalomparcours, euphemistisch auch als Gehweg bezeichnet. Wahrscheinlich schaust du noch nicht einmal herab. Du schaust nach vorne, denn du bist oben, und du kommst voran.

Auf dem Himmelsweg. Ja, das wollen die Bangkoker. Zumindest will das die Stadtverwaltung. Einen Skywalk gibt es ja schon. Aber jetzt kommt der Super-Skywalk. 50 Kilometer lang. Ein ganzes Netz, mit Zugang zu Skytrain und U-Bahn. Man stellt sich vor, durch die halbe Stadt zu fahren – und streckenweise sogar zu gehen -, ganz ohne sich der furchtbaren tropischen Witterung auszusetzen. Denn der Skywalk soll ein Dach bekommen. Sengende Sonne? Wassermassen, erst von oben, bald darauf knöcheltief? Für künftige Skywalker kein Thema mehr. Fehlt nur noch die Klimaanlage.

Ein weiterer Pluspunkt: In der Höhe ist man unbehelligt und sicher (vor, siehe oben: streunenden Hunden, Nudelsuppenverkäufern etc.). Man bleibt nicht mit den High Heels hängen und wird nicht von Motorrädern an der Wade gestreift. So eine schöne, moderne Sache, so ein Fortschritt hat natürlich seinen Preis. 15 Milliarden Baht sind veranschlagt, das sind etwa 350 Millionen Euro. Einige Kritiker finden das zu teuer. 

Steuergeldverschwendung. Stuttgartern kommt es dagegen vielleicht wenig vor. Stuttgart 21 soll mehr als vier Milliarden Euro kosten. Das finden wiederum diejenigen zu teuer, die Stuttgart 21 nicht wollen. Auch sie beklagen Steuergeldverschwendung.

Es gibt noch eine weitere Parallele zwischen Bangkoks Super-Skywalk und Stuttgarts Mega-Bahnhof: Die Kritiker beklagen hier wie dort fehlende Transparenz und mangelhafte Bürgerbeteiligung.

In Deutschland ist „Bürgerbeteiligung“ durch Stuttgart 21 so richtig zum Thema geworden. Die Proteste waren gewaltig – es ging um einen Bahnhof, nicht um Krieg! – und zumindest teilweise bereits erfolgreich. Alle Macht den Bürgern!

Mit so radikalen Forderungen lehnen sich die Kritiker in Bangkok nicht aus dem Fenster. Aber ein bisschen Bürgerbeteiligung hätten sie schon auch gerne. Und wo ist eigentlich die Umweltverträglichkeitsstudie? Von „visual pollution“ ist in diesem Zusammenhang öfters die Rede.

Ein schöner Begriff: visuelle Verschmutzung. Die erreicht in Bangkok auch jetzt schon rekordverdächtige Werte, da machen weitere 50 Kilometer Beton im Himmel keinen großen Unterschied. Oder vielleicht doch? Ab wann ist visuelle Verschmutzung gesundheitsgefährdend?! Das wäre doch eine interessante Studie: Wie viel ästhetischen Dreck hält der Mensch aus, ohne Schaden zu nehmen.

Auch vor Luftverschmutzung wird gewarnt. Weil die Luft im Bereich des Skywalks möglicherweise (noch) weniger zirkulieren kann und ergo (noch) schlechter wird. Eine weitere Frage betrifft die Auf- und Abgänge, Stichwort barrierefrei: Wenn die Stadt schon etwas so Modernes, Neues baut, wäre es doch nett, Menschen mit Kinderwagen und Rollstühlen teilhaben zu lassen. Also genau die, die die größten Probleme mit den bestehenden Gehwegen alias Slalomparcours haben.

Fragen über Fragen, Kritik, die niemals ganz versiegen wird. Denn selbst wenn schließlich ALLES SUPER wäre, bliebe ein Argument unanfechtbar: Das viele Geld könnte die Stadt auch anderweitig verwenden.

Vielleicht wird Stuttgart 21 nie Wirklichkeit. Vielleicht wird der Super-Skywalk nie Wirklichkeit. Vielleicht ist die Diskussion darum schon bald vergessen. Was aber bestimmt bleibt, ist die Forderung nach Transparenz und Bürgerbeteiligung. Das wird uns wieder begegnen. Bei allen großen Projekten. Und das ist auch gut so. Staudämme am Mekong oder Salween sind dafür ein schönes Beispiel. Auch wenn sie nicht in Thailand gebaut werden – Thailand ist involviert, Thailand investiert, Thailand will den Strom.

Da sind zigtausende Menschen betroffen. Oder warum nicht gleich die Frage auf des Volkes Waagschale legen, ob das Land in die Atomkraft einsteigt. Davon wäre jeder betroffen. Dagegen sind ein paar Dutzend Kilometer Skywalk in Bangkok geradezu eine Lappalie. Nichts weiter als ein kleiner, ein harmloser Teil der Vision vom besseren Leben in einer verbauten Mega-City. Stell dir also ruhig mal vor, über den Dingen zu stehen.