Der Chagos-Archipel ist sehr sehr weit weg, und zwar von allem. Er liegt im Indischen Ozean, ungefähr in der Mitte zwischen Asien, Afrika und Australien, und besteht aus 64 Inseln, die man sich als Inkarnation europäischer Südseeträume vorstellen kann: weiße Sandstrände, Kokospalmen, exotische Vögel… Das wird jetzt hier aber keine Reisewerbung. Man kann auch gar nicht hinfahren – außer man arbeitet für die US-Marine. Die betreibt auf der Hauptinsel Diego Garcia nämlich einen Militärstützpunkt mit ein paar tausend Soldat*innen, Kriegsschiffen, Langstreckenbombern, Lauschanlagen und sogar Atomwaffen.

Warum sie das kann? Weil die USA den gesamten Chagos-Archipel seit 55 Jahren von Großbritannien pachten. Der aktuelle Vertrag läuft noch bis 2036. Und warum gehört er Großbritannien? Nun, das tut er gar nicht: Großbritannien hält ihn illegal besetzt. Rechtlich gehört die Inselgruppe zu Mauritius, ehemals britische Kolonie. Die Briten spalteten Chagos 1965 von Mauritius ab und behielten den Archipel, als Mauritius 1968 unabhängig wurde.

Die mauritische Regierung kämpft seit vielen Jahren um eine Rückgabe und hat 2019 vor dem Internationalen Gerichtshof Recht bekommen – was Großbritannien aber nicht weiter interessiert. Doch die wirklich Leidtragenden sind die Chagossianer. Bevor London nämlich beschloss, die Inseln an die USA zu verpachten, lebten dort Menschen. Die mussten weg, damit alles militärisches Sperrgebiet werden konnte, das war die Bedingung der USA.

So wurden die Chagossianer also mit fiesen Methoden vertrieben (zum Beispiel schnitt man die Versorgung mit Lebensmitteln ab und tötete alle ihre Hunde) und die hartnäckigsten schließlich zwangsumgesiedelt. Sie und ihre Nachkommen, schätzungsweise um die 5500 Menschen, leben heute in Mauritius, den Seychellen und Großbritannien. Sie kämpfen dafür, in die geraubte Heimat zurückkehren zu können. Bislang vergeblich: Sie sind wenige, sie haben keine Lobby, und sie sind nicht laut genug.

Das Deprimierende ist, dass die Chagossianer und der Chagoskonflikt selbst denen, die es besser wissen müssten, egal ist. Zum Beispiel Politikern, die die deutsche Außenpolitik bestimmen. Nachdem der Internationale Gerichtshof befunden hat, dass der britische Souveränitätsanspruch auf den Chagos-Archipel völkerrechtswidrig ist, forderte die UN-Vollversammlung Großbritannien im Mai 2018 in einer Resolution auf, die Kontrolle über die Inselgruppe innerhalb von sechs Monaten an Mauritius zu übergeben. Deutschland hat sich enthalten. Enthalten! Im Gegensatz übrigens zu anderen europäischen Ländern wie Österreich, Irland, Spanien, Schweden, Griechenland oder der Schweiz, die dafür gestimmt haben.

Passiert ist trotz Resolution – nichts. Die Frist ist abgelaufen. Die Briten bleiben stur, die Chagossianer demonstrieren weiter, und Mauritius klagt weiter. Am 25. Januar dieses Jahres hat auch der Internationale Seegerichtshof die Chagos-Inseln Mauritius zugesprochen.

Die Angelegenheit ist zugegebenermaßen kompliziert. Aber auch nicht zu kompliziert, um nicht zu verstehen, dass Großbritannien als Besatzer und die USA als Pächter hier erstens gegen internationales Recht verstoßen und zweitens einen in jeder Hinsicht illegitimen Besitzanspruch an den Tag legen. Das ist der pure (längst überwunden geglaubte) Kolonialismus – im Jahr 2021. Und was mich am meisten aufregt: dass sie damit durchkommen. Deutschland und anderen außenpolitischen Weicheiern zum Dank.