Entwicklungszusammenarbeit ist eine super Sache. Sie ist auch nicht einfach nur eine nette Geste der Reichen oder eine Frage von Moral oder Solidarität. Sondern schlichtweg nötig, um die Zukunft der Menschheit und ganz konkret unseren Wohlstand in Deutschland zu sichern. Kurzum: Ich bin absolut dafür und gebe dafür auch gerne meine Steuern her – jedenfalls viel lieber als für eine ganze Reihe anderer Dinge wie Waffen, Dieselsubventionen oder neue Autobahnen.

Seit die Politik betont, dass Entwicklungszusammenarbeit im Grunde nichts anderes ist als die Bekämpfung von Fluchtursachen, was ungefähr seit fünf Jahren modern ist, ist sie auch insgesamt beliebter geworden. Die Rechnung lautet: Wer zu Hause in Afrika ein menschenwürdiges Leben führen kann, ist weniger geneigt, alles zu riskieren, das nackte Leben eingeschlossen, um nach Europa zu kommen. In Wahrheit ist es also ein Kampf gegen Flüchtlinge. Lebensbedingungen zu verbessern, ist trotzdem nicht falsch.

Blöd nur, dass manches, was die Entwicklungszusammenarbeit mühsam aufbaut – Märkte, Jobs, Lebensgrundlagen – durch unfairen Handel gleich wieder zerstört wird. Zu welchen Bedingungen der abläuft, bestimmen die großen Märkte, also zum Beispiel die EU, und dort haben die Entwicklungsminister*innen selten das letzte Wort. Im Zweifelsfall schlägt Altmaier Müller, so ist die Realität. Natürlich könnte ein Land wie die Elfenbeinküste auch nein sagen. Aber dann würden wir halt ihren Kakao nicht mehr kaufen. Und ihren Kaffee und ihr Erdöl auch nicht. Die EU könnte das verkraften, die Elfenbeinküste nicht: Gut 40 Prozent der Exporte des Landes gehen nach Europa.

Nun hat die EU sich selbst dazu verpflichtet, die Entwicklungschancen Afrikas nicht aus wirtschaftlichem Eigennutz zu untergraben. Deshalb gibt es zum Beispiel keine Exportsubventionen mehr für den Export von Hähnchenteilen nach Afrika. Aber die brauchen sie auch gar nicht! Sie werden dort trotzdem für’n Appel und ’n Ei auf den Markt geworfen, so billig, dass der Hühnerzüchter vor Ort zumachen kann. Denn das Hähnchen ist vor dem Export schon komplett bezahlt, wenn nur die Brust verkauft ist. Der Rest, den bei uns niemand essen mag, geht nach Afrika.

Man könnte denken, selbst Abfall, der von Europa nach Afrika verschifft wird, und das auch noch tiefgekühlt, hat am Ende einen Preis. Doch leider ist der Transport lächerlich billig. Das Schweröl, mit dem die großen Schiffe fahren, ist nicht nur besonders schmutzig, sondern auch besonders günstig. So bleibt für den Geflügelteileexporteur am Ende trotzdem noch etwas übrig – sonst würde er es ja nicht machen. Den interessiert sein Gewinn, nicht die Umweltschäden, die er mit seinem vollkommen unnötigen Export von Lebensmitteln verursacht, die auch direkt beim Verbraucher produziert werden könnten, und auch nicht die Bäuerinnen und Bauern in Afrika, denen er die Geschäftsmöglichkeiten raubt.

Aber die Politik muss es interessieren! Und endlich anerkennen, dass tatsächlich alles mit allem zusammenhängt: Europa mit dem Rest der Welt, EU-Subventionen mit Preisen in Afrika, der Welthandel mit dem Klimawandel, Reichtum mit Armut und Flucht mit Verzweiflung. Auf der einen Seite einer Kleinbäuerin in Indien einen Kredit zu geben, damit sie ihre Produktion ausbauen kann, und auf der anderen Seite zuzulassen, dass Bayer dieselbe Bäuerin mit genmanipuliertem, in der EU patentiertem Saatgut komplett abhängig macht – das ist so verlogen wie kontraproduktiv. Ändern wird sich das aber vermutlich erst, wenn die Handelspolitik öffentlich als Beförderin von Fluchtursachen hingestellt wird.