Was wird nun aus den Hilfsprojekten in Afghanistan, die von Deutschland aus organisiert werden? Ein Verein bemüht sich trotz Restriktionen weiterhin. Für „Lachen helfen“ ist das Engagement beendet

Seit die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen haben, ist für die Menschen dort alles anders – besonders für die Frau-
en. „Sie dürfen nicht arbeiten und das Haus nur in Begleitung eines männlichen Verwandten verlassen“, sagt Marga Flader, Vorsitzende von „Afghanistan Schulen – Verein zur Unterstützung von Schulen in Afghanistan“. Ausnahmen gebe es lediglich für Lehrerinnen und medizinisches Personal.

Die deutsche Hilfsorganisation betreibt in Andkhoi, einer Kleinstadt in der nordwest­lichen Provinz Faryab, und Umgebung mehrere Zentren, in denen Frauen im Nähen ausgebildet werden und rechnen, lesen und schreiben lernen. Außerdem hat die Organisation dort ein Ausbildungszentrum  aufgebaut, um Mädchen und Jungen ab der siebten Klasse auf die Universität vorzubereiten. „Im Moment sind die Frauenzentren geschlossen“, berichtet Flader. „Und die Schülerinnen und Schüler des Ausbildungszentrums treffen sich mit ihren Lehrerinnen in Privathäusern.“

Etwas besser sieht es in Masar-i-Scharif aus, wo sich „Afghanistan-Schulen“ ebenfalls engagiert. „Dort sind die Schulen für Mädchen und Jungen geöffnet, so dass die vor kurzem gegründete Schule in einem Lager für Binnenvertriebene, die wir voll finanzieren, normal weiterlaufen kann“, sagt Flader. Ob die Nähausbildung für Frauen in der Stadt fortgesetzt werden könne, sei hingegen noch unklar. „Es gibt leider noch keine klaren Anordnungen, ob NGOs Frauen­projekte wie bisher umsetzen dürfen.

„Afghanistan-Schulen“ hat sich seit seiner Gründung 1984 der Schulbildung afghanischer Kinder und Jugendlicher verschrieben. Anfangs in Flüchtlingslagern in Pakistan aktiv, kam der Verein Anfang der 1990er Jahre nach dem Abzug der russischen Truppen nach Andkhoi. Er beschäftigt 150 Menschen direkt, zusätzlich sind 200 Familien indirekt von ihm abhängig. „Jeder in Andkhoi kennt unsere Organisation, wir sind Teil der Stadt“, sagt Flader. „Die Menschen liegen uns sehr am Herzen.“

Dass die Taliban die Macht übernehmen konnten, schreibt Flader dem 2020 geschlossenen Abkommen der USA mit der Gruppierung, der damit verbundenen Schwächung der Regierung und dem „überstürzten“ Abzug der internationalen Truppen zu. „Die Präsenz der Bundeswehr und anderer westlicher Militärs war eine wichtige moralische Unterstützung“, meint sie. Auch sei die Ausbildung der afghanischen Streitkräfte, auf die sich die jüngste Mission konzentrierte, sehr geschätzt worden. Nach Fladers Ansicht wäre es besser gewesen, diese Arbeit fortzuführen – auch zur Unterstützung der Regierung.

Was sich aus der jetzigen Situation für die Arbeit ihrer Organisation ergibt, ist noch nicht absehbar. Ein Rückzug aus Afghanistan kommt für Flader aber auf keinen Fall infrage. „Notfalls setzen wir den Unterricht in Privathäusern fort“, sagt sie. Sorgen bereitet ihr die Finanzierung: „Afghanistan-Schulen“ wird zu rund drei Vierteln aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert, der Rest sind private Spenden. Während das BMZ die bilaterale Unterstützung Afghanistans eingestellt hat, läuft die Förderung von „Afghanistan-Schulen“ als privater Träger noch bis Ende des Jahres weiter. „Wir würden gerne verlängern“, sagt Flader. Ob das klappt, sei aber unklar. 

Projekte liegen auf Eis

Besonders schmerzlich: Im Oktober sollten zwei neue Projekte anlaufen, ein Schulbau für eine Mädchenoberschule sowie Kapazitätsentwicklung an fünf staatlichen Schulen und ein Projekt zur Ausbildung von Frauen in der Herstellung und dem Vertrieb von Marmelade. „Dieses ganz neue Projekt war mein Traum“, so Flader. „Beide Anträge liegen nun auf Eis.“

Für den Verein „Lachen helfen“, der sich in Afghanistan ebenfalls für Kinder und ihre Bildung engagiert hat, ist die Lage eine ganz andere. Die Projekte werden von Soldaten und Polizisten getragen und sind immer mit dem jeweiligen Einsatz verbunden. Folglich en­dete die Unterstützung mit dem Abzug der Bundeswehr im Juni. Markus Kurczyk ist im Vorstand von „Lachen helfen“ und hat selbst mehrere Vorhaben in Afghanistan initiiert und begleitet. „Die Projekte waren von vorne­herein so angelegt, dass sie mit dem Abzug enden, und wir haben nie Finanzierungszusagen darüber hinaus gegeben“, sagt der Brigadegeneral.

„Lachen helfen“ wurde 1996 von Bundeswehrsoldaten im ehemaligen Jugoslawien gegründet. Die Soldaten wollten sich neben ihren dienstlichen Aufgaben auch privat mit humanitären Projekten für Kinder engagieren. Der Verein baut keine eigenen Strukturen im Land auf und beschäftigt keine Mitarbeiter; stattdessen unterstützt er bestehende Einrichtungen. Auf Kurczyks Initiative hin hat „Lachen helfen“ zum Beispiel in einem Waisenhaus in Kabul, dem „Shamsa Children's Village“, eine Unterkunft für männliche Jugendliche und ein Basketballfeld für Mädchen finanziert. Nun müsse alles mit afghanischen Mitteln in Selbstverwaltung weitergeführt werden, sagt Kurczyk. Er sei froh darüber, dass noch im Juli die Küche und Mensa des Waisenhauses fertiggestellt werden konnten.

Sorgen bereitet ihm jetzt vor allem die Situation der Frauen: „Mit einer Taliban-Regierung wird sich das gesamte System wieder ändern.“ Demokratisierung lasse sich aber ohnehin nicht mit militärischen Mitteln erreichen. Kritischer als den Abzug der internationalen Truppen sieht Kurczyk die „offensichtliche Ohnmacht der afghanischen Gesellschaft“  gegen­über den Taliban. „Nach 40 Jahren Krieg ist das vielleicht verständlich, das Ergebnis aber noch nicht absehbar.“ Die Projekte von „Lachen helfen“ seien trotzdem nicht umsonst gewesen. „Sie haben Kindern und Jugendlichen das Leben in Freiheit und Sicherheit ermöglicht. Darüber bin ich noch immer glücklich.“