Zyklon Calvinia bedroht die Küste von Mauritius ©Katja Dombrowski
Zyklon Calvinia bedroht die Küste von Mauritius

Mauritius ist besonders stark vom Klimawandel bedroht. Der Meeresspiegel rund um das Urlaubsparadies im indischen Ozean steigt, die schützenden Korallenriffe sterben ab und immer häufiger bringen tropische Wirbelstürme die gesamte Infrastruktur der Insel ins Wanken.

Der Sturm rüttelt an Fenstern und Türen, der Regen steht diagonal in der Luft. An der Küstenstraße nehmen Arbeiter die großen Werbeplakate ab, unsere Nachbarn bringen ihre Gartenmöbel ins Haus und ihre Autos an einen geschützten Platz. Offenbar rechnen sie mit Schlimmerem, und so folgen wir ihrem Beispiel, verschließen alles fest und holen die Gartenmöbel rein. Am Strand, der sonst mit klarem türkisfarbenen Wasser glänzt, ist das Meer aufgewühlt, junge Männer ziehen die letzten Boote an Land, die noch draußen liegen.

Über Nacht nimmt der Sturm zu, der Regen dringt an mehreren Stellen ins Haus, und der Strom fällt immer wieder aus. Die Behörden haben die Zyklonwarnstufe II von IV ausgerufen. Grund ist der schwere Tropensturm Calvinia, der 120 Kilometer östlich von Mauritius im Indischen Ozean tobt und an Stärke zunimmt. Es besteht die Gefahr, dass er sich zum Zyklon auswächst und auf die Insel trifft. Warnstufe II besagt, dass die Bevölkerung sich mit Trinkwasser und haltbaren Nahrungsmitteln sowie Medikamenten eindecken soll. Im Haushalt sollten ein batteriebetriebenes Radio, Taschenlampen und Kerzen für den Fall von Stromausfällen vorhanden sei. Außerdem wird geraten, die nächstgelegene Notunterkunft zu kennen.

Wir entschließen uns zu einem Hamsterkauf. Im Supermarkt haben sich riesige Schlangen an den Kassen gebildet, in den Einkaufswagen stapeln sich Wasserflaschen, Reis und Nudeln, Konservendosen und Tütenessen. Bei uns außerdem Müsli und H-Milch, da wir nicht wissen, wie viel Gas noch in der Flasche für den Herd ist. Kurz bevor wir endlich dran sind, schließt der Supermarkt seine Türen – die Kunden, die drin sind, werden zum Glück noch abgefertigt, aber keiner kommt mehr rein. „Es ist jetzt Warnstufe III“, erklärt die Frau hinter uns in der Schlange. „Da darf niemand mehr draußen sein.“ Wer keine stabile Unterkunft hat, sollte jetzt in eine Notunterkunft umziehen. Wir haben ein festes Haus und hoffen, dass es standhält.

Plötzlich eine Geisterinsel

In den nächsten Stunden kommt das öffentliche Leben komplett zum Erliegen. Banken, Geschäfte und Behörden schließen, die Menschen verlassen ihre Arbeitsstätten und fahren nach Hause. In der Hauptstadt Port Louis kommt es zu langen Staus, der öffentliche Verkehr wird eingestellt, der Hafen geschlossen und auch der Flughafen – mitten in der touristischen Hochsaison. Mauritius wirkt wie eine Geisterinsel. Am Mittag ist Calvinia noch 90 Kilometer von der Küste entfernt und nimmt weiter an Stärke zu. Für den Nachmittag sind Windgeschwindigkeiten von 120 Kilometern pro Stunde vorhergesagt; das ist Orkanstärke oder 12 Beaufort, im Indischen Ozean spricht man dann von einem Zyklon.

In Teilen der Insel bricht die Strom- und Wasserversorgung zusammen, die heftigen Regenfälle führen zu Überschwemmungen, vor allem an der Ostküste knicken Bäume um. Doch die große Katastrophe bleibt aus: Calvinia wird zwar in der übernächsten Nacht tatsächlich zu einem Zyklon der Kategorie I, bewegt sich aber Richtung Südsüdost und damit von Mauritius weg. Zwei Tage Ausnahmezustand gehen zu Ende. Die Behörden heben die Zyklonwarnung auf, die Notunterkünfte leeren sich, die Aufräumarbeiten beginnen.

Die meisten Mauritier nehmen es gelassen, ihre Insel wird jedes Jahr im dortigen Sommer von Tropenstürmen getroffen. Andererseits wächst die Angst, dass Mauritius eines Tages Opfer eines verheerenden Zyklons werden könnte. Infolge des Klimawandels nimmt die Schwere der Stürme zu, jedes Jahr bringt neue Superlative hervor. Zyklon Idai im März 2019 war der zweitschlimmste Zyklon aller Zeiten auf der Südhalbkugel, mehr als 1300 Menschen starben in Mosambik, Simbabwe und Malawi. Auch Madagaskar, etwas mehr als 1000 Kilometer westlich von Mauritius gelegen, bekam die Auswirkungen zu spüren, zahlreiche Häuser wurden zerstört und ein Mensch kam ums Leben. Hurrikan Dorian, der im September die Bahamas verwüstete, war der stärkste, der jemals im Atlantik registriert wurde. Und im Pazifik war Taifun Hagibis im vergangenen Oktober mit mehr als 1500 Kilometern Durchmesser einer der größten gemessenen Taifune, außerdem der verheerendste seit 1958, der Japan traf. Er verursachte die höchsten Kosten, die jemals im Pazifik durch einen Sturm entstanden sind.

Kein Wunder also, dass Mauritius, das zu den besonders anfälligen „Kleinen Inselentwicklungsländern“ gehört sowie zu den Ländern, die am stärksten von Naturkatastrophen bedroht sind, sich Sorgen macht. „Wir leben mit der unmittelbaren Bedrohung eines Zyklons der Kategorie 5, die unsere Insel im Sommer jederzeit treffen kann“, sagte Umweltminister Kavydass Ramano auf der Weltklimakonferenz im Dezember in Madrid. Der Minister, der nach Parlamentswahlen im November erst kurz vor der COP 25 sein Amt angetreten hatte und in dessen Ressort Klimaschutz fällt, betonte, dass Katastrophen dieses Ausmaßes „keine Ausnahme mehr, sondern eine reelle Gefahr“ seien. Die zweite große Bedrohung für Mauritius, das neben der Hauptinsel auch mehrere kleinere – zum Teil bewohnte – Inseln umfasst, kommt im Gegensatz zu Stürmen nicht schnell und gewaltig, sondern langsam und schleichend: die Erwärmung des Ozeans und der damit zusammenhängende Anstieg des Meeresspiegels. Die Strände des Urlaubsparadieses, dessen Wirtschaft in großem Maße vom Tourismus abhängt, erodieren zunehmend. An einigen der schönsten Strände der Insel, etwa in Le Morne im Südwesten und in Belle Mare an der Ostküste, sind die Schäden unübersehbar: Wurzeln ragen aus der Abbruchkante, Stümpfe von Palmen nahe der Wasserlinie lassen erahnen, wo der Strand einst endete. In den vergangenen zehn Jahren seien knapp 20 Meter verloren gegangen, sagte Ramano auf der COP – und nannte den Meeresspiegelanstieg als Hauptgrund für die Küstenerosion. Laut seinem Ministerium betrug der Anstieg in der Region in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich 5,6 Millimeter pro Jahr. Auch Stürme wie Calvinia fordern ihren Tribut: Mancherorts sind Strandabschnitte weggebrochen, Sandmassen verlagert worden. Ein Teil des Problems ist auch hausgemacht: Wo früher Mangroven die Küste schützten, stehen heute Hotelanlagen oder Häuser. Bis vor einigen Jahren wurde zudem Sand für die massive Bautätigkeit in Mauritius entnommen, was inzwischen aber verboten ist.

Einen wichtigen Schutz für Mauritius‘ Küste bietet das Saumriff, das fast die gesamte Insel umgibt. Insgesamt ist es rund 150 Kilometer lang. Es hält einen Großteil der Gewalt des Ozeans und der Stürme ab. Doch auch das Riff ist in Gefahr: Die steigende Meerestemperatur verursacht Korallenbleiche, die wiederum zum Absterben der Korallen führen kann. Wenn das Wasser zu warm wird, stoßen die Korallen die sogenannten Zooxanthellen ab, mit denen sie in einer Symbiose leben. Diese Einzeller, die auch für die Färbung der Korallen verantwortlich sind, betreiben Photosynthese und versorgen die Korallen mit Nährstoffen. Ohne sie können die Korallen nicht überleben. „Wenn die Korallen tot sind, wird das Riff instabil und baut sich auch nicht weiter auf. Nach und nach geht es kaputt und verliert seine Schutzfunktion“, erklärt Kathy Young, Geschäftsführerin von Reef Conservation, einer gemeinnützigen Meeresschutzorganisation in Mauritius.

Beim Schnorcheln am Riff fallen die Schäden sofort auf. Zwar gibt es prächtige, rote, lilafarbene oder gelbe Korallengebilde verschiedenster Größen und Formen, die von bunten Fischen umschwärmt werden. Muränen schauen aus ihren Öffnungen hervor, Krebse und Seesterne leben in ihrem Schutz. Doch ein Großteil der Unterwasserwelt besteht aus weißen Kalkskeletten ohne Leben. Das genaue Ausmaß der Schäden am gesamten Riff ist nicht bekannt. „Auch wir beobachten nur einzelne Abschnitte“, sagt Young. „Dort sind in den vergangenen zehn bis 15 Jahren etwa 20 bis 25 Prozent der Korallen abgestorben.“ Seit 2010 läuft eine Langzeitstudie des Ozeanografie-Instituts von Mauritius. Erhebungen an 14 Messstationen rund um die Insel ergaben beispielsweise, dass von der Korallenbleiche im Jahr 2016 von unter 20 Prozent der Korallen in Bel Ombre im Süden bis über 80 Prozent in Belle Mare im Osten betroffen waren. „2016 war die Bleiche wegen El Niño besonders schlimm. Doch seitdem haben wir auch in jedem folgenden Jahr Korallenbleiche beobachtet, und sie setzt jedes Jahr früher ein“, berichtet Young.

Folge des Korallensterbens ist ein dramatischer Rückgang der Artenvielfalt, denn Korallenriffe gehören zu den artenreichsten und am dichtesten besiedelten Ökosystemen der Welt. Die Fischerei leidet darunter ebenso wie der Tourismus. Beide Branchen tragen allerdings auch zur Schädigung der Riffe bei: die eine durch Überfischung und zerstörerische Fangmethoden, die andere durch zu viele Touristenboote, die Schnorchler und Taucher zum Riff bringen und oft auf den Korallen ankern. Wasserverschmutzung, vor allem durch chemische Abfälle und Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft, die der Regen ins Meer spült, spielt ebenfalls eine Rolle. „Bestimmte Fischereimethoden und das Ankern auf dem Riff sollten mit Geldstrafen belegt werden“, fordert Young. „Allerdings muss es dann auch Kontrollen geben. Im Moment ist die Küstenwache so unterbesetzt, dass sie das gar nicht leisten könnte.“ Außerdem sollten mehr Moorings an den beliebten Schnorchelplätzen im Boden verankert werden, an denen die Boote festmachen können. Und auch Information und Aufklärung seien wichtig – sowohl der Menschen, die im Tourismus arbeiten, als auch der Touristen selbst. Das ist eins der Arbeitsfelder von Reef Conservation.

Internationale Hilfe nötig

Gegen die Erwärmung des Meeres kann Mauritius alleine hingegen ebenso wenig tun wie gegen den Anstieg des Meeresspiegels und die stärker werdenden Stürme: Der kleine Inselstaat hat nur rund 1,3 Millionen Einwohner, sein CO 2 -Ausstoß ist dementsprechend gering. Neben der Umsetzung von Maßnahmen, um das eigene Ziel der CO 2 -Neutralität bis 2050 zu erreichen, pocht Umweltminister Ramano daher auf die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft. Schnelles und entschlossenes Handeln sei nötig, sagte er auf der COP und forderte insbesondere, ein System zur finanziellen Unterstützung von Entwicklungsländern zu etablieren, das für diese berechenbar und zugänglich ist. Die Appelle kleiner Inselstaaten sind allerdings schon fast zur Gewohnheit geworden. Vielleicht wäre es wirksamer, die Verantwortlichen der reichen und mächtigen Staaten einmal zum Ortstermin auf eine der bedrohten Inseln einzuladen – am besten, wenn gerade Sturmwarnung ist.

 

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