Das UN-Umweltprogramm wertet die weltweiten staatlichen Coronahilfen als Chance, um die Treibhausgasemissionen deutlich zu senken und das Pariser Klimaziel zu erreichen. Dafür müssten die Regierungen allerdings einen „grünen Wiederaufbau“ fördern und ihre Klimaschutzanstrengungen insgesamt schnell und deutlich erhöhen.

Im Jahr 2020 sind die weltweiten CO2-Emissionen nach Schätzungen des UN-Umweltprogramms (United Nations Environmental Programme – UNEP) um sieben Prozent gesunken. Grund dafür war die Coronakrise, die die industrielle Produktion, die Energiewirtschaft und besonders den Verkehr in vielen Ländern stark eingeschränkt hat. Auf das Weltklima wirkt sich der temporäre Rückgang allerdings nur minimal aus: UNEP erwartet, dass die Erderhitzung bis Mitte dieses Jahrhunderts dadurch um 0,01 Grad Celsius geringer ausfällt.

Eine echte Chance sehen die Autoren des Emissions Gap Report 2020 hingegen in den milliardenschweren Konjunkturprogrammen zur Bewältigung der Coronakrise: Ein „grüner Wiederaufbau“ könnte die bisher prognostizierten Emissionen bis 2030 demnach um bis zu ein Viertel verringern – was dem Pfad, der nötig ist, um die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, schon sehr nahe käme. Dazu müssten die Staatshilfen vor allem klimaneutralen Technologien und Infrastrukturen zugutekommen. Subventionen für fossile Energien müssten abgebaut und es dürften keine neuen Kohlekraftwerke mehr gebaut werden.

Bisher sieht es dem Bericht zufolge allerdings nicht danach aus. Nur rund ein Viertel der G20-Staaten, die zusammen für rund 78 Prozent des globalen Treibhausgasausstoßes verantwortlich sind, haben einen Teil ihrer Coronahilfen für CO2-arme Maßnahmen reserviert. Das meiste Geld unterstütze den Status quo einer kohlenstoffintensiven wirtschaftlichen Produktionsweise. Den Autoren zufolge ist es jedoch noch nicht zu spät zum Umsteuern: Regierungen sollten die Chance in der nächsten Phase der Konjunkturmaßnahmen ergreifen.

Im Pariser Klimavertrag von 2015 hat sich die Staatengemeinschaft darauf verpflichtet, den Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei, möglichst unter 1,5 Grad zu begrenzen. Der jährliche UNEP-Bericht zeigt die Lücke auf zwischen den prognostizierten Emissionen und dem Niveau, das nötig wäre, um das Paris-Ziel zu erreichen. Die Frage, ob die Entwicklung dahin gehe, dass sich diese Lücke schließt, beantwortet der aktuelle Report mit einem klaren Nein. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre habe 2019 zum dritten Mal in Folge zugenommen, und die Welt steuere weiterhin auf eine Erhitzung von mehr als drei Grad bis Ende des Jahrhunderts zu.

2019 stiegen die Treibhausgasemissionen demnach im Vergleich zum Vorjahr um 2,6 Prozent und erreichten den neuen Höchststand von 59,1 Gigatonnen. Seit 2010 nahm der Ausstoß an klimaschädlichen Gasen jährlich um durchschnittlich 1,4 Prozent zu. Dass der Anstieg 2019 deutlich größer war, lag laut UNEP vor allem an den vielen großen Waldbränden in dem Jahr.

Den größten Lichtblick sehen die Autoren in den Ankündigungen einer wachsenden Zahl von Ländern, bis Mitte des Jahrhunderts CO2-neutral wirtschaften zu wollen. Bis zur Fertigstellung des Berichts hätten das 126 Länder, aus denen etwas mehr als die Hälfte aller Treibhausgasemissionen stammten, entweder bereits beschlossen oder angekündigt oder in Erwägung gezogen. Dies sei eine „bedeutende und ermutigende Entwicklung“.

Nun müssten dringend konkrete Maßnahmen folgen, und die Verpflichtungen auf Treibhausgasneutralität müssten sich auch in den nationalen Klimabeiträgen (Nationally Determined Contributions – NDCs) im Rahmen des Pariser Abkommens niederschlagen. Die dort formulierten Ambitionen seien aber bei weitem nicht ausreichend, um den Vertrag zu erfüllen. Für einen Zwei-Grad-Pfad sei dreimal so viel nötig, für 1,5 Grad sogar mindestens fünfmal so viel wie aktuell anvisiert. Laut dem Pariser Vertrag hätten die Länder ihre NDCs 2020 aktualisieren müssen. Viele haben das aber noch nicht getan. Formell endet die Frist neun Monate vor der UN-Klimakonferenz des entsprechendes Jahres – und die Ende 2020 in Glasgow geplante COP26 wurde pandemiebedingt um ein Jahr verschoben.